Die alten, bösen Lieder - Konzert im Gedenken an den Ausbruch des 2. Weltkrieges vor 80 Jahren

Am Tag der Europawahl in Deutschland, nachdem das wahlberechtigte Volk der Europäischen Union über deren künftige Geschicke abgestimmt hat, steht das Abschlusskonzert des diesjährigen Kammermusikfestes „Maiklänge“ am Verdener Domgymnasium mit einem durchaus europäischen Thema auf dem Programm: Im Gedenken an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren werden am 26.05. um 18:00 Uhr unter dem Titel „Die alten bösen Lieder“ vor allem Werke der Neuen Musik zu Gehör gebracht werden. Unter Bezugnahme auf das gleichnamige Gedicht von Heinrich Heine, in dem es heißt „Die alten, bösen Lieder/ Die Träume schlimm und arg/ Die laßt uns jetzt begraben/ Holt einen großen Sarg.“ wird an ein düsteres Kapitel europäischer Geschichte gedacht. Damals, als sich die Staaten auseinander bewegten, die Entscheidung einzelner Mächtiger einen ganzen Kontinent, ja, den ganzen Globus ins Verderben stürzten, damals hätte man sich gemeinsame europäische Wahlen – friedlich und frei – nicht im Traum ausmalen können. Doch geschieht dieses musikalische Gedenken – wie im Gedicht – in einer ebenso nachdenklich-versöhnlichen Grundhaltung. Diese kann nicht nur in der Auswahl der Komponisten für den Abend und deren musikhistorischer Einordnung wiedergefunden werden – auch die Musik selbst, dargeboten von Musikern, die ihre Wurzeln in zehn Ländern und auf drei Kontinenten haben, schafft eine Atmosphäre, die weniger das Grauen als vielmehr das menschliche Miteinander thematisiert. Es ist das wohl kontrastreichste und gleichzeitig ausdrucksstärkste Konzert des gesamten Festivals, wenn tänzerische Folklore auf mahnende Trauergesänge trifft und selig-innige Melodik von mitreißender Rhythmik abgelöst wird. Allen Werken gemein sind die tragischen Umstände der Entstehung – davon ausgenommen vielleicht Prokofjews Bearbeitung hebräischer Themen, die jedoch als musikalisches Denkmal für sich selbst stehen.

Sergej Prokofjew (1891-1953) Ouvertüre über hebräische Themen op.34

Ein Werk, das lange vor Kriegsausbruch entstanden ist, die „Ouvertüre über hebräische Themen“ op.34, schrieb der russische Komponist Sergej Prokofjew im Jahr 1919, inspiriert von einem Büchlein voll hebräischer Lieder, das ihm eine Gruppe von sechs Absolventen des St.Petersburger Konservatoriums in New York verbunden mit einer Kompositionsanfrage für ihr neugegründetes Ensemble aus Klarinette, Streichquarttett und Klavier, gaben. Obwohl er die Verwendung von Folklore eher ablehnte, hatten es ihm die Melodien schnell angetan und er war vom Zauber der Musik so gefangen, dass er das Werk binnen zehn Tagen vollendete. Man ist sich einig, dass das Werk zum einen die später entstandene Klezmer-Musik bereits vorwegnimmt und zum anderen, dass wohl nie ein anderer nicht-jüdischer Komponist so genau den Ton der jüdischen Musik getroffen hat wie Prokofjew.

Erwin Schulhoff (1894-1942) Streichsextett op.45

An zentraler Stelle im Konzert steht ein Sextett, das der Sohn eines jüdischen Wollhändlers, der gebürtige Prager Erwin Schulhoff komponiert hat. Uraufgeführt wurde es 1924 im Zweiten Konzert der Donaueschinger Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst. (Der Vorgänger der Donaueschinger Musiktage bestand damals noch aus gerade mal drei Konzerten mit neuer Kammermusik!). Unterstützt wurde die Uraufführung von keinem geringerem als Paul Hindemith. Schulhoff, selbst Schüler Max Regers, verbindet hier expressionistische und folkloristische Elemente mit schönen aber teils auch düsteren Klängen. Nicht nur wegen seiner Religion, auch seine musikalische Sprache des Expressionismus, teils mit Einflüssen des Jazz oder gar der Vierteltonmusik und ebenso seine politische Gesinnung als überzeugter Kommunist haben nach Machtergreifung der Nationalsozialisten seine Internierung im mittelfränkischen Weißenburg zur Folge, wo er 1942 an Tuberkulose stirbt. Im Sextett steckt auf jedem Fall eine große Portion Avantgarde-Musik der goldenen 20er, bevor es, fast mahnend ob dessen, was da kommen werde, mit einem Cello-Solo schließt.

Gideon Klein (1919-1945) Streichtrio (Theresienstadt 1944)

Ein das Leben bejahendes, obwohl unter menschenunwürdigsten Umständen – im Konzentrationslager Theresienstadt – entstandenes Werk ist das Trio für Violine, Viola und Violoncello WV 1083 von Gideon Klein. Kein Hass, nur Sehnsucht nach der mährischen Heimat, nur Kraft und Selbstbewusstsein sind im Werk zu hören, das so deutlich wie kaum ein anderes Werk aufzeigt, dass auch die grausamsten Mittel und Methoden der Unterdrücker es nicht schaffen, wahre Größe, wahre Menschlichkeit, wahre Stärke zu erdrosseln. Die Kunst war im Lager mehr als nur Ablenkung und Unterhaltung – sie war Ausdruck eines Ideals, Sinnbild für die Menschenwürde und allem voran die Freiheit. Klein gehörte zu den Komponisten im Lager – das war nicht allen erlaubt und es kann nur gemutmaßt werden, wie viele unentdeckte Künstler, Denker, vielleicht sogar Genies ungehört dem Wahnsinn zum Opfer gefallen sind, hört man, was einer von ihnen, ein großes, früh gefördertes Talent, in kürzester Zeit geschaffen hat. Nur wenige Tage vor seinem Abtransport nach Auschwitz beendete der 25-jährige Gideon Klein das Streichtrio am 7.10. 1944 und vertraute es verantwortungsvollen Händen an, was zur Folge hat, dass es noch heute gespielt und somit sein Geist am Leben erhalten werden kann.

Richard Strauss (1846-1949) Streichsextett aus der Oper "Capriccio" op.85

Dass Unterdrückung und Ausbeutung verschiedene Seiten hat, zeigen die ungleichen aber dennoch großartigen beiden letzten Stücke des Abends. Aus einer Oper von Richard Strauss erklingt ein Streichsextett, das den eigentlichen Kern der Oper darstellt. In historischer Ferne zur Entstehungszeit 1942 spielt das Werk, das eher unpolitisch anmutet. Geht man in die Tiefe, sieht man auch hier, wie sehr die Mächtigen der Zeit ihre Spuren im Schaffen eines Künstlers hinterlassen haben. Sollte die Oper womöglich von den Schrecken der Zeit ablenken, so birgt sie doch auch inhaltliche Brisanz. Nicht nur, dasss die grundlegende Idee der Oper auf einen Text von Stefan Zweig zurückgeht, auch der Gedanke, dass man sich nur noch über Liebe streiten und über musikalische Belange unterhalten kann, zeigt, wie sehr die Kunst dieser Zeit unter den Umständen litt.

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) Klaviertrio Nr.2 e-Moll op.67

Beschlossen wird der denkwürdige Abend mit einem Klaviertrio von Schostakowitsch, der zeitlebens als Bürger der Sowjetunion in seiner Ideologie und Freiheit Einschränkungen erfahren musste. Anlass für das Werk gab der frühe Tod seines Freundes Iwan Sollertinski 1944. Die Umstände blieben unklar und auf verschiedenen Ebenen hat dies Schostakowitsch berührt und beängstigt. Viele seiner Werke waren zensiert, in manchen Werken bringt er durch Verwendung unerwünschter Mittel wie z.B. der Atonalität seinen Protest zum Ausdruck. Stets bemüht er sich, freiheitlich zu denken und zu komponieren. Viele dieser Ansätze sind eben auch in dem Klaviertrio wiederzuentdecken: beginnend mit einem Trauermarsch, über einen ironisch anmutenden Tanz, einer Passacaglia bis hin zu einem im Volkston gehaltenen Finale.

Grandioses Finale der Maiklänge

Das Erinnern an eines der düstersten Kapitel deutscher und europäischer Geschichte ist gleichsam ein großes Finale der Maiklänge und beinhaltet in diesem Konzert das facettenreiche Klangbild unterschiedlichster Künstler, Kunststile und auch verschiedenster Initiale aus denen die Musik entstanden ist. Gemeinsam haben alle Werke, dass sie auf ihre Art und Weise an die Freiheit des Geistes, die Freiheit der Künste und nicht zuletzt die Freiheit des Menschen appellieren. Am Tag der Europawahl scheint es fast eine musikalische Ermahnung zu sein, sich um die friedlichen Geschicke der Welt zu bemühen, dass keine Menschen Opfer von politischer Willkür und auch keine Künstler ihrer Freiheit im Ausdruck beraubt werden dürfen.

Rundfunkaufnahme des Abschlusskonzertes

Aufgezeichnet und in die Welt getragen wird dieses Konzert vom Deutschlandfunk Kultur in Kooperation mit NDR Kultur und Mitte Juni im bundesweiten Kulturradio zu hören sein. Wer allerdings selbst zuhörender Teil des 3. Internationalen Kammermusikfestes Verden werden möchte, sollte schnell handeln: Zwar sind Eröffnungskonzert (24.5., 20:00 Uhr) und Matinée (26.5., 11:30 Uhr) bereits ausverkauft (Restkarten gibt es erfahrungsgemäß noch an den Abendkassen), doch für die Soirée (25.5., 18:00 Uhr) und das Abschlusskonzert (26.5., 18:00Uhr) gibt es noch Eintrittskarten im Vorverkauf bei der Tourist-Info in Verden, im Sekretariat des Domgymnasiums oder online unter maiklaenge.domgymnasium-verden.de.